Booklet / Pressetext

Die Falschen Männer in Falschen Etagen / Hotel Harakiri 

Da sind sie wieder: sie kommen diesmal nicht im Rudel, sondern zeigen sich in gefährlichen kleinen Gruppierungen. Krakenartig bevölkern sie dieses seltsame Hotel und treiben gar Merkwürdiges in dieser heiligen Hütte, die eher einer Arche Noah gleicht als einem Hotel. Und jeder belegt seltsame Zimmer, wenn man’s genau nimmt, ist das ganze Personal seltsam. Man sagt, ein verschrobener Guru und eine als Katze getarnte Kreatur steckten hinter diesem vielleicht faulen Zauber. Oder liegt dem allen doch etwas zugrunde, was uns, die Menschheit, retten könnte? Wie sie es nennen? The Laughter of Trudd. Lebensgewohnheiten wollen sie sprengen und manche Weisheit gleich mit. Und zwar übers Hören, Sehen, Fühlen und Schmecken. Nehmen wir das Essen. Hier wird vieles anders gekocht, serviert und gegessen. Und gegessen wird, was anderswo unter den Tisch fällt. Gern auch in letaler Dosis. Der Lebensstil ist Harakiri, ohne Zweifel. Denn es ist klar: Diese Menschen gehen voran und schreiten nicht hinterher. Niemals. Sie sind so autark, so selbständig, dass mit Ihnen eine neue, vielleicht sogar schöne Welt entstehen könnte. Das Ende des Chat-Palavers.


Gebrauchsanweisung

Angesichts einer Gesamtspieldauer von 158 Minuten, so denken wir, hilft es vielleicht, wenn wir Sie fürs Hören etwas anleiten. Natürlich können Sie machen, was Sie wollen. Zum Beispiel beide Seiten strikt hintereinander hören. Oder gleichzeitig, stereophon oder stereophob, ganz wie Sie wollen. Das aber ist dann schon arg harte Kost. Tun Sie das besser nicht. Hören Sie dieses epochale Epos der Ohrwurmakrobatik in drei Teilen, am besten an drei unterschiedlichen Tagen. Am Stück in drei Tagen geht natürlich auch. Ach, Sie machen das schon! Notieren Sie sich Ihre Lieblingsstücke, auch das hilft, diesem Werk gerecht zu werden, das wir als eine Art Singspiel betrachten. Bringen Sie Ihre Aufzeichnungen in trockene Tücher für die Nachwelt. Na, die wird sich freuen! Sie hören wie folgt:

CD 01 , Stück 1 bis 18: leicht und locker, mitunter auch knackig, immer auf den Punkt 

CD 01, Stück 19 bis 26: melancholisch bis zum Schluss, stark philosophisch. Mit dem letzten Stück können Sie echt angeben, dass Sie so philosophisch veranlagt sind. 

CD 02: Stück 1 bis 17: locker und leicht, mitunter auch flockig, und zwar vor allem ab Stück 18. Der Rest, wie immer, findet sich. 


Willkommen im Hotel Harakiri – es lebe der Post-Dada!

Erste Etage und Foyer

Die Begrüßung an der Bar übernimmt unser Hotelkolumnist Hans Zippert, der Plagepage Walter Baco servieren dazu feinstes Gewaber vom Fass. Genießen Sie einen schwülen Drink und lassen Sie sich sanft vom Hocker gleiten. Sie werden schon sehen, was Sie davon haben. Gleich danach reichen wir ein dezent angesengtes Hitzemenü, blutwurstig angerichtet vom Tabernagel Kochkampfkunst-Team um unseren ersten Stargast, den Offenbacher Kunstpflüger und Rap-Öl-Piloten Smudo, der eigens zum Zwecke der Fußvolkbeglückung mit seiner Beechcraft Bonanza auf dem Hoteldach vor Anker gegangen ist! Den Mitgliedern wird ein guter Draht nach oben nachgesagt: Göttlicher Beistand und intime Kontakte in die Welt der Superhelden können auf dem Weg zur musikalisch-kulinarischen Machtergreifung nur von Vorteil sein. Danach riskiert Dennis Sarratou einen Blick auf die aktuelle Wetterlage. Seit vielen Jahrzehnten fragen sich deutsche Kinder, wann zum Henker es endlich die „goldenen Gaben“ gibt, die der Wind angeblich übers Land treibt. „Das heißt GARBEN, saublödes Gör!“ Das englische Pendant lautet übrigens „Heigh-ho! Anybody home?“ Das fragt sich der Gast langsam auch. Bei einigen anwesenden Herren setzt nun Schnappatmung ein und der Herzschlag aus, als Angie Reed die Bühne betritt, diese zur temporär-autonomen Zone erklärt und, sekundiert vom heute schon unvergessenen Alexander Schart, der das sphärische Stück „Christine“ intoniert, dass es eine Art hat. Gallus Tabernagel und die Ringdeifel werfen alsdann ein eitrig-tränendes Auge auf das Schweizer Schuhmacherhandwerk. Hinter der sozialkritischen Fassade verbirgt sich ein poetisch-musikalisches Vexierspiel voller erotischer Anspielungen – zumindest dann, wenn sie diese darin entdecken wollen. Denn der Gast ist im Hotel Harakiri König. Oder umgekehrt. Höchste Zeit also, wieder zu Tisch zu rufen, doch der ist leer, denn der dicke, fette Pfannekuchen hat sich unter der Obhut des kongenialen Pfannenwenders F. D. Schmitt aus dem Zuckerstaub gemacht. Zum Glück springt Smudo mit dem „Dinner Delight“ in die auf dem kalten Büffet gähnende Scharte. Fast unbemerkt und leichtfüßig stolpern wir hinein in den gesellschaftskritischen Teil der Veranstaltung. Hier kommt nun endlich einmal die viel gescholtene Berufsgruppe der Waffenhändler zu Wort. Am Ende des Vortrags der Callbuam steht die Erkenntnis, dass so ein Waffenhändler eben auch nur ein Unmensch ist. Religionen haben es da leichter, denn ihre Waffe ist das Wort. Das Bewusstsein, immer auf der richtigen Seite zu stehen, hat einfach was, und wer’s nicht glaubt, der wird nicht selig, sondern von Vilas B. Pomp über den Haufen geblasen. Ein Glück, dass wenigstens die filigranen Zimmerdamen Anne Römpke und Demien Bartók noch funktionieren. FUNKTIONIEREN! Im Anschluss wird die hyperekstatische Punkschraube Itty Lunatic von ihrem (Wieder-)Entdecker Oliver Maria Schmitt sowie Side- und Roundhousekick Horst Wessel übers Parkett gezerrt. Das angekündigte Anarchoshnitzel fällt flach und knusprig, und da an den ersten Gästen schon wieder ein leise knurrendes Hungertuch nagt, wird der Auftritt der schönen Wurstverkäuferin Doc Heyne kurz darauf mit gefräßigen Ovationen bedacht. Wanderprediger Joe Wentrup lässt sich, den letzten Zipfel noch in der geballten Pranke, aus grimmiger Freude am Dasein sogar zu einem Liebeslied hinreißen. Jad Fair hingegen hat nicht nur den Dackelledereinband der Hotelspeisekarte designt, sondern tritt auch als One-Man-Bigband auf, für die die improvisierte Bühne im Ballsaal um mehrere Quadratmeter erweitert werden musste, und zwar nicht aus Platzgründen, sondern um der subversiven Bedeutung des internationalen Ausnahmestehgeigers, wenn auch nur halbwegs, gerecht zu werden. Blütenkind Camillo Rota serviert im Anschluss eine Kirschfarce im stilechten Spucknapf. Die Haussatanisten Ruben und David Schmidt, auch bekannt als Familie Schmidt, beschwören sodann einen blutroten Vollmond herauf. Es ist spät geworden. Doch das Hotel Harakiri trotz solchen Äußerlichkeiten wie der Abfolge der Jahres- oder Tageszeiten und lässt in Gestalt von Demien Bartók und Eva Simonis gleich zweimal die Sonne aufgehen. Bitte, wo wird einem heute noch so etwas geboten? Damit es dem schon bedrohlich geneigten Publikum nicht zu warm ums Herz wird, darf Sebastian Hülk danach gleich wieder den Mond besingen (scheinbar ging der Tag überraschend schnell vorbei), natürlich zur lauwarm gezupften Gitarre von unserem Honk Monk. Na gut, wenn’s Sinn macht. Das ist die Freiheit, die unser aller Swami meint, der hier aufs Dialektischste von Frömmelfaktotum Holger Schmidt konterkariert wird. Erich Purk gibt sich derweil stark und zerbrechlich, während es Pierre Simonis vorzieht, den Mond (echt jetzt, schon wieder?) anzuheulen. Da die Tumulte in der Lobby nun nicht mehr anders in den Griff zu bekommen sind, startet das Vibe Tribe Soundsystem den ersten Pozilei-Einsatz des gar nicht mehr so jungen Abends: „Ja, Herr Kommissar, bitte noch mal mit dem Gummiknüppel! Ja, fester!“ Erst der Morgen wird zeigen, wie viele Hotelzimmer diesmal wieder verwüstet worden sind. In weiser Voraussicht hat sich das Spottiveith Terzett gleich auf das Zimmer auf dem Berg zurückgezogen und genießt die traumhafte Aussicht. Auch Matthias Zimmer, Gotthard Veith und Frankfurts Königin der Nacht, Verena David, schwören sich beim morgendlichen Kamillenknäcke: „Nie wieder Orgien!“ Stilles Wasser rult.

 

Zweite Etage und Oberstübchen

Zum nackten Entsetzen des Veranstalters konnte man mit dem ersten Tag wider Erwarten doch noch nicht alle Gäste vergraulen. Der Klagegesang von Robert Lange und den Ringdeifeln feat. Rasputin, der pünktlich zum lauwarmen Frühstücksbuffet einsetzt, umweht deshalb ein Hauch von Wermut und Verzweiflung, die jämmerlich winselnden Despektierchen werden an der langen Leitung durch die Menagerie geführt. Haben diese Leute kein Zuhause? Wissen die nicht, dass der moderne Vollhonk, der was auf sich hält, mit demütig geneigtem Kopf und vom Funzeldisplay fahl beleuchteten Arschgesicht daheim in seiner grisseligen MPBrei-Suppe hockt und zwischenmenschelnde Kontakte allenfalls über sei Eiwolken-Konto pflegt, in der stillen Hoffnung, dass auch seine Nacktbilder irgendwann mal im Internet herumgereicht werden? James O‘Hara kann uns davon ein Lied singen und das tut er auch. Nun wird das traditionelle Veganermett serviert, und zwar von Smutje Smudo, den man sich heute auch mal ohne Fanta schön saufen kann, während ihm die Hotelpolizei den drölfzigsten Strafzettel an die Bonanza tackert. Ja, wo leben wir denn eigentlich? Ist es wirklich schon wieder soweit? Sehr zu recht beschwört unser guter Mann Walter Baco die freizeitlich demographische Unordnung und die Welt der bösen Männer und Gemächte. Gut, dass der Festgemeinde nun wieder der unverbleichliche Hans Zippert auf die Nüsse gehen darf. Hey, hey, hey, aus den höheren Sphären des Underground schwebt nun abermals unser allerbegnadetster Origamisänger Jad Fair in die Niederungen der Hochkultur hinab. Ja, ja, das Spottiveith Terzett, wagt abermals den kalten Smartstart mit grünlichem Kampfgewummer und Jägermeister-Punch: Bäm! War das jetzt metaphorisch, Swami? Thomas Hintner liebt… uns. Hoffen wir zumindest. Power Abdul brät sich jedenfalls schon mal ein Eye darauf. „Was ist gute Musik?“, fragt uns Friedemann Maria Weise allen Ernstes, aber das kann ja wohl nicht sein Ernst sein! „James Brown“, antwortet Jad Fair, der’s ja nun wirklich wissen muss, auch wenn uns gottlosen Sexmaschinen mal wieder ein bisschen der rechte Glaube fehlt. Der linke Unglaube tut’s aber zur Notdurft auch. Alexandra Kayser kriegt den Hausdamenblues, der, wie wir alles wissen, eine ganz besonders raffinierte Spielart der angewandten Gebrauchserotik ist. Jedenfalls schlagen sich die Starts und Hits nun die feuchte Klinke um die mittlerweile etwas hüftsteifen Ohren. Wer will, kann sich nun vom abermals launischen Zippert an der Bar ein paar launig-lauschige Anekdoten ins magenunfreundliche Mixgetränk rühren lassen. Wer drei bis vier davon intus hat, muss zehnmal hintereinander brusexuelles sagen, und wer’s nicht fehlerfrei schafft, darf sich von demselben ausweiden lassen, damit er aus dem noch dampfenden Gekröse die Zukunft lesen kann, um sie hernach hoffentlich für sich zu behalten. Auch Wichy de Vedado windet sich wendig durch den Sala de Matanza und etabliert aus dem Stand ohne viel Wischiwaschi ein Wichy-Regime, das sich gewaschen hat. Rache ist, das weiß man nicht nur im schnöden Havanna,  Griebenwurst („Schoritzo“). Nun wird den ersten geladenen Gästen (für unsere selbigen englischsprachigen: loaded guests) klar, dass das hier alles irgendwie kein Ende nimmt, und vereinzelt bricht man bereits wahlweise in hysterisches Gelächter oder Tränen aus, gern auch beides gleichzeitig. Demien Bartóks hektisch angestimmtes Requiem kann die Lage nun auch nicht mehr schlimmer machen, bevor uns F.D. Schmid frischgefallenes Fallobst (für heute sehen wir mal über die Missstände in der Massenobsthaltung hinweg) und Highfey Soul Eye (please repeat til the doctor comes!) servieren. Wenigstens scheint n.U.F.O.s kleines Pferdchen nicht mitverwurstet worden zu sein – Schwein gehabt! Die Forelle und der Kabeljau müssen auch dringend weg und eine Fischvergiftung nehmen wir gern in Kauf, wenn sie uns von Frankfurts Fußgängerzonenamazone Verena David mit Kater Benjamin als veritable Verstärkung verabreicht wird. Danach hilft nur noch das heilige Salbader von Swami Durchananda and his Holy Family mit dem fabulösen Herrn Tausendacht und Halbkubaner Don Diego, die sich erst von F.D. Schmids Pitbull wieder von der Bühne keifen lassen, damit der japsende Halbjapaner Jad Fair seinen smartphonefreien Applekuchen ins laut krakelnde Kaffeekränzchen schleudern kann. Nach diesem Schlag geht es Schlag auf Schlag weiter: Daphne Elfenbein wildert sich weidwund durch Savanne, n.U.F.O. bemüht sich um die weltweite Pauschalverbrüderung und auch Wichy de Vedado dreht noch mal eine weinerliche Ehrenrunde, gefolgt von Octo Schmids Dessertkreation aus Birne und Meister Lampe. Esthaloco & Bruder Kong leiten laufend, springend und tanzend das Grande Finale ein, während Petry & Benjamin schon mal in der Tiefstapelgarage nachschauen, welche Nobellimo sie sich nachher für die Heimfahrt kurzschließen. Während sich die Nebel des Krieges langsam verziehen, genießen Schmid und Tabernagel die wohl trügerische Ruhe und Chefsandmännchen Robert Lange liest allen noch eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Schluss mit Stuss, und bitte vermehren Sie uns bald wieder.